Interview mit Moritz Schneider
»Sicherheit als Verpflichtung gegenüber den Menschen«

Seit diesem Jahr ist Moritz Schneider, Mitglied im Programmbeirat der Safetronic, der internationalen Fachtagung für die ganzheitliche Sicherheit von Straßenfahrzeugen. Im Interview schildert der Experte für funktionale Sicherheit bei der BMW Group seine Motivation und erläutert, warum Sicherheit mehr ist als eine technische Zielsetzung.

Safetronic key visual
Frage

H. T. Hengl:

Herr Schneider, mit der Sicherheit ist es ein bisschen wie mit der Gesundheit in dem bekannten Spruch, sodass man sagen kann: Sicherheit ist nicht alles, aber ohne Sicherheit ist alles nichts. War das der Antrieb, als Sie sich entschieden haben, die Fahrzeugsicherheit zu Ihrem Thema zu machen?

Antwort

Moritz Schneider:

Absolut, dieser Spruch trifft den Nagel auf den Kopf. Sicherheit bildet die unverzichtbare Grundlage, auf der alle weiteren Innovationen und Entwicklungen aufbauen. Für mich war es von Anfang an klar, dass ohne ein robustes Sicherheitskonzept keine Akzeptanz für neue Technologien möglich ist. Sicherheit ist somit nicht nur ein technisches Ziel, sondern eine Verpflichtung gegenüber den Menschen, die unsere Fahrzeuge nutzen.

Frage

H. T. Hengl:

Und das hat Sie bewogen, sich als Programmbeirat bei der Safetronic zu engagieren?

Antwort

Moritz Schneider:

Die Safetronic ist eine einzigartige Plattform, die Experten aus Industrie, Forschung und Normung zusammenbringt, um gemeinsam an zukunftsweisenden Sicherheitslösungen zu arbeiten. Mein Engagement als Programmbeirat bietet mir die Möglichkeit, aktiv den Dialog zu gestalten, Best Practices auszutauschen und Innovationen zu fördern, die letztlich die Sicherheit in der Mobilität von morgen maßgeblich verbessern.

Frage

H. T. Hengl:

Wo sind aus Ihrer Sicht die Knackpunkte bei der Sicherheit von autonomen Fahrzeugen bzw. dem autonomen Fahren?

Antwort

Moritz Schneider:

Die größten Herausforderungen liegen in der Komplexität der Systeme und der Interaktion mit der Umwelt. Autonome Fahrzeuge müssen in Echtzeit zuverlässig Entscheidungen treffen, auch in unvorhersehbaren Situationen. Das bedeutet, dass Hardware, Software und Sensorik extrem robust und fehlerfrei funktionieren müssen. Zudem ist das sichere Zusammenspiel mit anderen Verkehrsteilnehmern essenziell.

Es zeigt sich, dass erweiterte Sicherheitsmaßnahmen aus der Infrastruktur wie beispielsweise durch einen »Tele Operator« ein gutes Mittel sein können, um das Vollständigkeits-Dilemma zu schmälern.

Moritz Schneider
Bild

Moritz Schneider ist Experte für funktionale Sicherheit bei der BMW Group. Seine bisherigen Aufgaben umfassen Safety-Management- und Safety-Engineering-Rollen, Trainer zur funktionalen Sicherheit, den Aufbau des Safety Management Systems in der BMW Group sowie die Durchführung von Audits und Assessments zur funktionalen Sicherheit. Ergänzend vertritt er BMW zur Standardisierung der funktionalen Sicherheit in einigen nationalen Arbeitsgruppen. International engagiert er sich in der ISO/TC 22/SC 32/WG 14 für die Umfänge zu Safe AI (ISO PAS 8800) und leitet die ISO/TC 22/SC 32/WG 8 für die Weiterentwicklung von u.a. ISO 26262 und ISO 21448.

Frage

H. T. Hengl:

Inwieweit ist Sicherheit ein »Verkaufsargument« für Fahrzeuge?

Antwort

Moritz Schneider:

Sicherheit ist definitiv ein starkes Verkaufsargument, besonders wenn es um komplexe Technologien wie automatisiertes Fahren oder KI-Anwendungen geht. Das zeigt sich auch an der Akzeptanz und Relevanz von Verbraucherschutzorganisationen wie NCAP, welche in Ihren Ratingstrukturen die aktive Sicherheit vermehrt fokussiert. Dadurch erhält der Sicherheitsaspekt für den Kunden eine Transparenz, welche aktiv in die Kaufentscheidung einfließen kann.

Frage

H. T. Hengl:

Sie sind seit Ende 2025 an entscheidender Position der Normierung von functional safety im Bereich Automotive, genauer vom Standard ISO 26262, tätig, und zwar als Convenor ISO/TC22/SC32/WG8. Sehen Sie die Safetronic als Bühne, um auch hier Fortschritte zu erzielen?

Antwort

Moritz Schneider:

Ja, die Safetronic bietet eine hervorragende Bühne, um aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen in der funktionalen Sicherheit zu diskutieren und voranzutreiben. Als Convenor der WG8 ist es mir ein Anliegen, die Normen praxisgerecht weiterzuentwickeln und den Austausch zwischen Normung, Industrie und Forschung zu fördern. Die Safetronic ermöglicht genau diesen Dialog, der entscheidend ist, um Standards zukunftsorientiert zu gestalten.

Frage

H. T. Hengl:

Vor drei Jahren haben Sie auf der Safetronic einen Vortrag gehalten über die Anwendung von Safety Management Systems (SMS). Welche Rolle messen Sie Safety Management Systemen auch im Hinblick auf Ihre Normungstätigkeit bei?

Antwort

Moritz Schneider:

Managementsysteme sind eine gute Maßnahme, um lösungsoffen zu regulieren. Das bedeutet, Behörden fordern per Gesetz ein Managementsystem zur transparenten Beachtung von Herausforderungen, bspw. Gefährdungen. Unternehmen etablieren Managementsysteme zu spezifischen Technologien oder Domänen, ohne dabei Ihre Innovationskraft zu hemmen. Beispiele dafür sind das Cybersecurity Managementsystem CSMS folgend der ECE R 155, das Software Update Managementsystem folgend der ECE R 156 als auch das Safety Management System SMS folgend der ECE R 157 sowie der ECE R 171. Auch zur Konformitätsprüfung des EU AI Act stehen aktuell Ansätze über ein Artificial Intelligence Managementsystem AIMS zur Diskussion. Somit bildet nicht nur das SMS, sondern der grundsätzliche Ansatz von Managementsystemen einen adäquaten Brückenschlag zwischen Regulierung und Standardisierung.

Frage

H. T. Hengl:

Welches ist für Sie der nächste große Schritt zur Sicherheit von autonomen Fahrzeugen?

Antwort

Moritz Schneider:

Der nächste große Schritt zur Sicherheit von autonomen Fahrzeugen ist bestimmt u.a die Durchdringung und Weiterentwicklung des Safe AI Standards ISO PAS 8800, welcher kürzlich die Revision gestartet hat. Automatisierungsfunktionen können nicht ohne AI und diese sicher zu entwickeln ist ein wesentlicher Schritt zur Akzeptanz bei den Entwicklern, den Unternehmen die Produkte dazu anbieten als auch bei den Kunden.

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Sylvia Hahn
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Autonomes Fahren / Fraunhofer IKS
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