Agilität
»Eine agile Organisation zeichnet vor allem ein agiles Mindset aus«

Über Chancen und Herausforderungen von Agilität im Forschungskontext sprechen Karsten Roscher, Wissenschaftler und Abteilungsleiter am Fraunhofer IKS, sowie Agil-Coach Philipp Diebold im Interview.

28. Mai 2020

Canyon

Im Rahmen eines New-Work-Projekts der Fraunhofer-Gesellschaft übernimmt das Fraunhofer IKS als Pilotinstitut für agiles Arbeiten eine Vorreiterrolle. Klar ist, dass Agilität nicht von heute auf morgen entsteht. Im Interview erläutern Karsten Roscher vom Fraunhofer IKS und Agilitäts-Experte Philipp Diebold, wie sich die Arbeit am Institut bereits verändert hat und was wir noch von den Skandinaviern lernen können.

Veronika Seifried:

Karsten, was hast du gedacht, als du davon gehört hast, dass unser Institut im Zuge eines Pilotprojekts der Fraunhofer-Gesellschaft eine agile Organisation werden soll?

Karsten Roscher:

Ich war überwiegend neugierig und habe mich auf jeden Fall darauf gefreut, das selbst auszuprobieren. Auf der anderen Seite gab es natürlich doch auch eine gewisse Skepsis. Ich habe mich gefragt, wie sich agile Methoden wie beispielsweise Scrum auf das Arbeiten in unserem Wissenschaftsumfeld und Projektalltag übertragen lassen. Wir Forscherinnen und Forscher arbeiten ja nicht immer in einem festen Team zusammen, sondern jeder in mehreren unterschiedlichen Projekten.

Philipp Diebold:

Das finde ich spannend! In dieser Hinsicht sind sich die unterschiedlichen Organisationen nämlich recht ähnlich. Die Frage Wie soll das bei uns funktionieren? bekomme ich als Coach eigentlich immer gestellt – egal, ob ich ein Forschungsinstitut, einen Mittelständer oder einen Großkonzern berate.

Veronika Seifried:

Haben denn Forschungseinrichtungen deiner Erfahrung nach andere Bedürfnisse im Hinblick auf agiles Arbeiten, als Beispielsweise Unternehmen in der Privatwirtschaft?

Philipp Diebold

Nach langjähriger Arbeit im Bereich der Agilität am Fraunhofer IESE in Kaiserslautern berät Philipp Diebold heute als Coach Unternehmen beim agilen Wandel.

Philipp Diebold:

Die Idealvorstellung wäre natürlich, dass es hier keine Unterschiede gibt. Aus meiner eigenen Erfahrung in der Wissenschaft weiß ich jedoch, dass man in Forschungsprojekten häufig mit Fördergebern zu tun hat, die nach wie vor ganz anders funktionieren. Sie schreiben ein Projekt über mehrere Jahre aus und fordern bereits am Anfang ein Lastenheft, das detailliert beschreibt, was in drei Jahren fertig geliefert wird.

Hier ist definitiv ein Umdenken nötig! Denn es nützt auch den Fördergebern nichts, wenn zu Beginn eines Projekts Ergebnisse festgelegt werden, die später nicht in dieser Form eintreffen. Schließlich muss man in der angewandten Forschung immer wieder auf den Markt reagieren. Die Herausforderung hierzulande ist also, Agilität in solchen nicht agil strukturierten Forschungsprojekten unterzubringen. Skandinavische Länder sind hier beispielsweise schon weiter, weil dort das Umdenken in Behörden früher begonnen hat.

Veronika Seifried:

Zum Start des Pilotprojekts am Fraunhofer IKS haben wir alle einen zweitätigen Workshop zum agilen Arbeiten bei dir besucht. Welchen Eindruck haben die Tage am Institut bei dir hinterlassen?

Philipp Diebold:

Wie eigentlich immer in solchen Workshops trifft man hier natürlich auf Teilnehmer mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Bei vielen Personen, die vielleicht auch erst vor kurzem ans Institut gekommen sind, konnte ich eine klare Aufbruchsstimmung festmachen, bedingt durch die Neuausrichtung. Andere sind beispielsweise schon sehr lange am Institut. Hier gilt es, alte Muster aufzubrechen und zu hinterfragen, um den Umschwung optimal zu nutzen.

Veronika Seifried:

Karsten, wie hat sich die Zusammenarbeit in deinem Team im Projektalltag schon verändert, was agile Methoden betrifft?

Karsten Roscher

Karsten Roscher ist seit mehr als zehn Jahren Forscher bei Fraunhofer. Seit März 2020 ist er wissenschaftlicher Leiter der Abteilung Certifiable Artificial Intelligence am Fraunhofer IKS.

Karsten Roscher:

In meiner Abteilung arbeiten wir schon seit einer Weile mit morgendlichen Stand-Ups und haben damit gute Erfahrungen gemacht. Sie bieten uns eine Plattform, um schneller Ansprechpartner für ein individuelles Problem zu finden. Wir unterstützen damit auch den Onboarding-Prozess von neuen Kolleginnen und Kollegen. So bekommen sie direkt mit, woran die anderen Teammitglieder gerade arbeiten. Das fördert in meinen Augen sehr die Durchlässigkeit und den Fluss an Informationen. Vermutlich ist das etwas zweckentfremdet und gar nicht so im klassischen Sinn von Daily Stand-Ups…

Philipp Diebold:

Da würde ich widersprechen! Zweckentfremden gibt es in meinen Augen hier gar nicht. Ihr habt die Stand-Ups für euren Kontext angepasst. Aber sie führen dennoch genau zum beabsichtigen Ziel, nämlich zum Austausch innerhalb des Teams. Der Weg dorthin ist vielleicht etwas anders, da du die Fragstellung im Vergleich zum klassischen Scrum-Ansatz umgebaut hast. Aber wenn sich am Ende die Teammitglieder untereinander austauschen, anstatt an dich als Abteilungsleiter zu berichten, dann ist der Zweck voll erfüllt.

Veronika Seifried:

Methoden wie Daily Stand-Ups oder Tools alleine machen vermutlich noch keine agile Organisation aus. Philipp, woran erkennst du, dass eine Organisation agil ist?

Philipp Diebold:

Tools machen definitiv keine agile Organisation aus, keine Frage. Damit kann man vielleicht noch die letzten fünf Prozent an Agilität herausholen. Stand-Ups stellen schon eher einen agilen Baustein dar. Was Agilität aus meiner Sicht jedoch im Grunde ausmacht, sind die Kultur, die Haltung und die Werte – kurz gesagt, ein agiles Mindset. Das erreiche ich wiederum durch agile Bausteine wie beispielsweise Daily Stand-Ups, die für eine höhere Transparenz innerhalb des Teams und der Organisation sorgen. Diese Veränderung hin zu einer agilen Kultur bekommt man aber natürlich nicht von heute auf morgen hin.

Durch das agile Arbeiten kommen wir früher zu Zwischenergebnissen und können besser auf die sich immer schneller ändernden Anforderungen unserer Kunden reagieren.

Karsten Roscher

Wissenschaftlicher Abteilungsleiter Certifiable Artificial Intelligence am Fraunhofer IKS

Veronika Seifried:

Für die Aktion Fraunhofer vs. Corona entwickeln wir am Institut derzeit Ideen für Lösungen, mit denen wir einen Beitrag gegen die Folgen der Pandemie leisten können. Dafür arbeiten wir in cross-funktionalen Teams und nach agilen Methoden. Welche Vorteile bringt das mit sich?

Philipp Diebold und Karsten Roscher

Für das Interview waren Philipp Diebold und Karsten Roscher per Videochat miteinander verbunden.

Philipp Diebold:

Agilität ist dafür prädestiniert! Schließlich geht es darum, eine Idee weiterzuentwickeln. Hierfür bieten sich Sprints als Bausteine aus der agilen Toolbox optimal an. Das sorgt für schnelles und regelmäßiges Feedback zur Idee, beispielsweise im wöchentlichen Rhythmus.

Karsten Roscher:

Das stimmt. Ich spüre in meinem Team tatsächlich diesen Spirit und merke, dass die schnellen Iterationen das Ganze vorantreiben.

Veronika Seifried:

Wo seht ihr ganz allgemein die größten Chancen für das Fraunhofer IKS, die sich aus Agilität ergeben?

Karsten Roscher:

Ich sehe hier zwei verschiedene Aspekte. Das sind zum einen die Vorteile für das Institut. Durch das agile Arbeiten kommen wir früher zu Zwischenergebnissen und können besser auf die sich immer schneller ändernden Anforderungen unserer Kunden reagieren.

Auf der anderen Seite bietet Agilität aus meiner Sicht vor allem auch für die Mitarbeitenden eine große Chance. Dadurch können wir das einzelne Teammitglied und seine Selbstverantwortung mehr in den Mittelpunkt rücken. Der Mitarbeitende erlebt im Arbeitsalltag schneller einen eigenen Gestaltungsspielraum und erlangt dadurch das Selbstbewusstsein, zu eigenen Ideen zu kommen. Durch das agile Arbeiten erhält er das notwendige Werkzeug, um diese voranzubringen. Im besten Fall ist das Ganze also eine Win-Win-Situation.

Philipp Diebold:

Ich stimme Karsten in beiden Punkten zu. Hinzu kommt außerdem die Möglichkeit, das gesamte Institut als großen Innovationshub zu betrachten. In Skandinavien gibt es hier schon Beispiele für wissenschaftliche Einrichtungen, die einen Schritt voraus sind. In meinen Augen hat das Fraunhofer IKS die einmalige Chance, etwas Entsprechendes in Deutschland aufzubauen und damit als agile Forschungseinheit zum Leuchtturm zu werden.

Wie hat sich die Zusammenarbeit am Fraunhofer IKS im Zeichen von Agilität verändert? Dr. Sabine Sickinger, Direktorin Organisationsstrategie und Administration, nennt im Video weitere Beispiele:

Youtube

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