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Quantencomputer
Quantum Zoo: Spielend zum Quantencomputing
Quantum Computing klingt oft wie Science-Fiction: Teilchen an zwei Orten gleichzeitig, seltsame Korrelationen aus der Ferne und Computer, die eines Tages Probleme lösen könnten, die jede herkömmliche Supercomputer-Klasse übertreffen. Zwischen Schlagzeilen und anspruchsvoller Mathematik bleibt jedoch oft unklar, was in einem Quantencomputer tatsächlich abläuft. Das Quantum-Zoo-Projekt des Fraunhofer IKS bietet Einblicke und einen praktischen Zugang zum Quantencomputing – nicht nur für Schülerinnen, Schüler und Studierende.
© iStock/yekorzh
Quantum Zoo ist eine Softwareanwendung des Fraunhofer-Instituts für Kognitive Systeme IKS, die zentrale Konzepte des Quantencomputings vermittelt, indem eine Rechenoperation im Quantencomputer in ein imaginäres Fabelwesen verwandelt wird. Die Anwendung ist zugleich wissenschaftliches Werkzeug und pädagogischer Spielplatz: Im Quantum Zoo können Sie mit Quantenprinzipien experimentieren, ohne eine einzige Gleichung lesen zu müssen.

Abb. 1: Mit dem Quantum Zoo ein Hybrid-Tier erschaffen.
Im Folgenden werfen wir einen Blick auf die Ideen hinter dem Quantum Zoo, darauf, wie er funktioniert, und warum es eine überzeugende Methode ist, zu verstehen, was Quantencomputing grundsätzlich anders macht.
Vom Bit zum Qubit: Warum Quanten anders sind
Klassische Computer verarbeiten Informationen in Bits – Nullen und Einsen. Jedes Bit ist zu einem Zeitpunkt entweder 0 oder 1. Quantencomputer arbeiten hingegen mit Quantenbits, den Qubits. Ein einzelnes Qubit kann sich im Zustand 0, im Zustand 1 oder gleichzeitig in einer Superposition beider Zustände befinden. Wird das Qubit gemessen, ergibt sich 0 oder 1. Vor der Messung befindet sich das Qubit jedoch in einem allgemeineren Quantenzustand, der Wahrscheinlichkeiten für beide Ergebnisse codiert.
Zwei oder mehr Qubits machen noch erstaunlichere Dinge möglich. So können Quanten-Zustände einander verstärken oder auslöschen, ähnlich wie bei sich überlappenden Wellen im Wasser (Interferenz). Sorgfältig konzipierte Abfolgen von Operationen sind in der Lage, unerwünschte Ergebnisse zu unterdrücken und die Wahrscheinlichkeit der gewünschten zu erhöhen. Qubits schaffen es außerdem, sich in einer Weise zu korrelieren, die es in der klassischen Physik nicht gibt – ein Prozess, der als Verschränkung bezeichnet wird. Die Messung eines Qubits kann sofort Informationen über ein anderes liefern, selbst wenn sie weit voneinander entfernt sind. Der Quantum Zoo ist eine erste Brücke dahin, diese abstrakten Prinzipien greifbar zu machen – sowohl für Schülerinnen, Schüler und Studierende als auch für alle, die neugierig darauf sind, was es mit Quantentechnologien auf sich hat.
Das Potenzial des Quantencomputing liegt darin, diese Effekte gezielt zu nutzen, um bestimmte Berechnungen wesentlich effizienter zu lösen als klassische Rechner. Doch Algorithmen zu entwerfen, die wirklich von Quanten-Parallelismus profitieren, ist eine Herausforderung. Heute sind nur wenige solcher Algorithmen bekannt, etwa Shors Algorithmus zur Faktorisierung großer Zahlen und Grovers Algorithmus zur Beschleunigung von Suchproblemen. Das Fraunhofer IKS forscht daran, wie sich diese Konzepte auf reale Probleme anwenden lassen – mit aktueller, unvollkommener Quantenhardware – unter anderem in Bereichen wie Optimierung, Simulation und Maschinellem Lernen.
Quantenschaltkreise als Experimentierfeld
Im Hintergrund verwendet der Quantum Zoo das übliche »Gatter-basierte« Modell des Quantencomputing. Anstatt mit Codezeilen zu programmieren, entwirft man einen Quantenschaltkreis: eine Abfolge von Operationen (Gattern), die als zeitliche Sequenz auf Qubits angewendet werden.
Auf der Quantum-Zoo-Oberfläche wird dies zu einem visuellen Arbeitsbereich:
- Quantenstränge: Jedes Qubit wird als horizontale Linie dargestellt. Die Zeit verläuft entlang dieser Linie von links nach rechts. Zu Beginn befinden sich alle Qubits im Zustand 0, der quantenmechanisch als ∣0⟩ geschrieben wird.
- Quantengatter: Es gibt eine Palette von Quantengattern, die man per Drag & Drop auf die Qubits setzen kann. Jedes Gatter repräsentiert eine Operation auf einem oder mehreren Qubits. Zum Beispiel kippt das X-Gatter ein Qubit, indem es den Zustand 0 (|0⟩) in den Zustand 1 (|1⟩) und umgekehrt verwandelt, ähnlich einem klassischen NOT-Gatter. Das Hadamard-Gatter (H) erzeugt eine Superposition, indem es ein definitives 0 in »0 und 1 zur gleichen Zeit« mit gleicher Wahrscheinlichkeit verwandelt. Das CNOT-Gatter (Controlled-NOT) hingegen wirkt auf zwei Qubits und ist ein Baustein für Verschränkung, wobei es ihre Zustände auf eine Weise koppelt, die klassisch nicht beschrieben werden kann.
Indem Gatter auf verschiedenen Qubits angewandt werden, baut man einen Quantenschaltkreis auf. Ganz rechts kann man sich eine abschließende Messung vorstellen: Diese lässt den kombinierten Quantenzustand in eines der möglichen klassischen Ergebnisse zusammenfallen, wie beispielsweise die Binärzahlen 000 oder 101, wobei die Wahrscheinlichkeiten durch Ihre Schaltung bestimmt werden. Bei N Qubits gibt es 2N mögliche Ergebnisse. Eine wichtige Erkenntnis – die der Quantum Zoo sichtbar macht – ist, dass der Schaltkreis nicht nur einen einzigen Weg durch diese Möglichkeiten wählt. Stattdessen beeinflusst er eine vollständige Verteilung über alle Möglichkeiten gleichzeitig.
Von Quantenzuständen zu Tieren: Das Unsichtbare sichtbar machen
Wahrscheinlichkeiten bei abstrakten Bitfolgen wie 000 oder 111 sind nicht gerade intuitiv. Der Quantum Zoo löst dieses Problem mit einer Metapher: Jedes mögliche Ergebnis wird einer Tierart zugeordnet. In einem System mit drei Qubits gibt es beispielsweise acht mögliche Quantenzustände. Jeder Zustand, in quantenmechanischer Notation ∣000⟩, ∣001⟩, …, ∣111⟩, ist einem bestimmten Tier zugeordnet. Unterhalb der Schalttafel sieht man:
- Ein Balkendiagramm, das die Wahrscheinlichkeit der einzelnen Zustände darstellt.
- Ein zusammengesetztes Tier, dessen Aussehen die Mischung der Tier-»Arten« im jeweiligen Quantenzustand widerspiegelt.
Wenn der Schaltkreis nur den Zustand ∣000⟩ ergibt, konzentriert sich die Wahrscheinlichkeitsverteilung auf ein einziges Tier. Wenn man beispielsweise zwei Hadamard-Gatter anwendet, ließe sich eine gleichmäßige Überlagerung von vier verschiedenen Zuständen erzeugen; das resultierende Tier wäre eine gleichmäßige Mischung aus vier Arten, siehe Abbildung 1. Seine Merkmale – Ohren, Beine, Farben – fügen sich so zusammen, dass sie die Quantenwahrscheinlichkeiten direkt widerspiegeln.

© Fraunhofer IKS
Abb. 2: Ein weiteres Beispiel für ein Hybrid-Tier, das mit dem Quantum Zoo gestaltet wurde.
Diese Übersetzung von komplexen Amplituden in gemischte Tiermerkmale ist der pädagogische Kern des Quantum Zoo. Wenn man ein Hadamard-Gatter hinzufügt und beobachtet, wie sich eine Tierklasse in zwei Teile aufspaltet, beobachtet man dabei die Superposition. Andererseits lässt sich Interferenz visualisieren, indem man ein Gatter hinzufügt, das bestimmte Merkmale verblassen lässt oder schärft. Wenn man ein Zwei-Qubit-Gatter einführt und sieht, wie sich eine Veränderung an einem Qubit auf die gesamte Mischung auswirkt, ist das Verschränkung. Auf diese Weise verwandelt der Quantum Zoo einen unsichtbaren Quantenzustand in etwas Greifbares, was dabei noch unterhaltsam ist.
Um die Entdeckungstour zu steuern, enthält der Quantum Zoo eine Reihe von Herausforderungen. Es warten Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade: Bei jeder Aufgabe besteht das Ziel darin, einen Quantenschaltkreis zu entwerfen, der ein bestimmtes Tier erzeugt. Diese Aufgaben bieten einen einfachen Einstieg in komplexere Schaltkreis-Implementierungen, wie sie in echten Quantenalgorithmen zum Einsatz kommen.
Warum der Quantum Zoo schon heute
von Bedeutung ist
Quantencomputing ist eine Technologie mit enormem Potenzial. Die derzeitige Hardware ist allerdings noch unzuverlässig und in ihren Möglichkeiten begrenzt, und groß angelegte, fehlertolerante Quantencomputer bleiben ein langfristiges Ziel. Doch schon heute ist es wichtig zu verstehen, wie Quantenalgorithmen funktionieren – und wo sie einen Vorteil bieten könnten. Der Quantum Zoo hilft dabei, die Hürden für das Verständnis zu senken. Probieren Sie den Quantum Zoo aus, entwerfen Sie Ihre eigenen Fabelwesen und entdecken Sie dabei, wie die seltsamen Regeln der Quantenmechanik in reale Rechenoperationen umgewandelt werden können.

© Fraunhofer IKS
Abb 3: Hybrid-Tiere, die mit dem Quantum Zoo entworfen wurde, veranschaulichen die Prinzipien des Quantencomputing.
Wenn Sie mehr über Quantencomputing erfahren wollen, wenden Sie sich per E-Mail an das Team des Fraunhofer IKS. Oder testen Sie den Quantum Zoo auf dem Fraunhofer IKS playground


