Porträt Narges Ahmidi
»Von engagierten, intelligenten Menschen umgeben zu sein, ist lohnend«

Dr. Narges Ahmidi strebt nach Spitzenleistungen in der wissenschaftlichen Forschung über vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz (KI). Sie möchte junge Wissenschaftlerinnen ermutigen, in die Wissenschaft zu gehen und Führungspositionen zu übernehmen.

mask Medizinisches Labor

Dr. Narges Ahmidi ist am Fraunhofer-Institut für Kognitive Systeme IKS Leiterin der Abteilung »Reasoned AI Decisions«. Parallel dazu hat sie einen Lehrauftrag an der Johns Hopkins University (JHU) am Malone Center for Engineering in Healthcare sowie eine Gruppenleiterposition am Helmholtz Munich Computational Health Center. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf vertrauenswürdiger Künstlicher Intelligenz (KI), insbesondere auf kausal informierten Vorhersagemodellen, zuverlässiger Entscheidungsunterstützung für Mensch und KI sowie Validierungsmetriken, die sich an den Erwartungen von Experten orientieren.

Enthusiasmus und der Weg in die Wissenschaft

Narges strebt nach Spitzenleistungen in der wissenschaftlichen Forschung und möchte junge Wissenschaftlerinnen dazu inspirieren, ihren Interessen zu folgen, in die Wissenschaft zu gehen und Vordenkerinnen und politische Entscheidungsträgerinnen zu werden. Die Wissenschaft hat Narges schon immer fasziniert. Sie beruht auf Fakten, und die Aussagen müssen durch ausreichende und überzeugende Beweise gestützt werden. Dieser Prozess erfordert Kenntnisse und gründliche Analysen, bei denen Experten eng zusammenarbeiten müssen.

Auf der High School in ihrer Heimatstadt Teheran, Iran, entdeckte Narges ihr Interesse an Computern und entschied sich für ein Studium der Informatik an der Universität. Später belegte sie während ihres Masterstudiums an der Polytechnischen Universität Teheran die Hauptfächer Computertechnik und KI. Die anschließende Promotion in Künstlicher Intelligenz und medizinischer Robotik an der Johns Hopkins University (JHU) in den USA war für sie die perfekte Kombination aus Wissenschaft, Technik und gesellschaftlicher Relevanz.

Nach ihrem Abschluss gründete und leitete Narges Ahmidi das Forschungslabor »AI for Patient Diagnosis and Treatment« am Helmholtz Munich Computational Health Center. Danach wechselte sie an das Fraunhofer IKS als Abteilungsleiterin.

In ihrem jüngsten Online-Seminar »Sichere Intelligenz für Labore« bezeichnete sie KI als »prediction magic«: KI kann zukünftige Ereignisse vorhersagen, Ärzte bei der Entscheidungsfindung unterstützen und komplizierte Krankheiten vor dem Auftreten schwerer Symptome diagnostizieren. All das führt das Gesundheitswesen in Richtung einer digitalen Transformation.

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Bild

Dr. Narges Ahmidi: »Ich möchte junge Wissenschaftlerinnen ermutigen, in die Wissenschaft zu gehen und eine Führungsrolle zu übernehmen.«

Als Kind träumte Narges davon, Menschen aus allen Nationen zu helfen und als Leiterin der Vereinten Nationen die ganze Welt zu verändern. Heute verwirklicht sie diesen Traum, indem sie das medizinische Wissen voranbringt und junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausbildet. Die Kreativität und der Reiz, schwierige Probleme zu lösen und gleichzeitig die Lebensqualität der Menschen zu verbessern, sind nur ein Teil dessen, was sie an der Forschung bei Fraunhofer schätzt: »Die größte Belohnung ist, dass wir von engagierten, intelligenten Menschen umgeben sind«, sagt Narges.

Gleichstellung in der Wissenschaft

Narges liegt die Gleichstellung der Geschlechter in der Wissenschaft sehr am Herzen. Als Wissenschaftlerin wurde sie selbst immer wieder diskriminiert. Wie andere Frauen auch, musste sie sich ihren Platz in der Wissenschaft hart erkämpfen. Sie ist der Meinung, dass die Verwirklichung der Gleichstellung der Geschlechter eine äußerst schwierige und nie endende Aufgabe ist, für die sich der Schwerpunkt der Gesellschaft vom Primat der Effizienz auf die Wertschätzung der Würde und der Rechte aller Menschen verlagern muss.

Die 43-Jährige ermutigt Nachwuchswissenschaftlerinnen immer wieder, ihre akademische Sichtbarkeit zu erhöhen, Netzwerke aufzubauen, auf einschlägigen Konferenzen präsent zu sein und selbstbewusst zu ihren wissenschaftlichen Leistungen zu stehen. »Ich bin froh, dass sich die Gesellschaft heute positiv verändert, aber es ist noch ein weiter Weg«, sagt sie.

Die Auswirkungen von COVID-19

Für Wissenschaftlerinnen wurde der Lockdown aufgrund von COVID-19 zu einer großen Herausforderung, insbesondere für diejenigen mit Familien. Laut der Zeitschrift »Nature« führte die massive Zunahme der Arbeitsbelastung angesichts der begrenzten Kinderbetreuungsmöglichkeiten dazu, dass Wissenschaftlerinnen weniger publizierten, weniger Konferenzen besuchten, weniger Stipendien beantragten und insgesamt weniger Zeit in ihre Forschung investierten. Die ohnehin schwachen Fortschritte bei der Vielfalt in der Wissenschaft geraten dadurch ins Stocken.

Abgesehen von den Auswirkungen auf Frauen, so Narges, treffe COVID-19 den wissenschaftlichen Nachwuchs im Allgemeinen am stärksten. In einer Zeit, die eigentlich eine goldene Zeit für den Aufbau von Netzwerken und die Interaktion mit anderen Experten in ihrem jeweiligen Fachgebiet sein sollte, machten die Lockdowns persönliche wissenschaftliche Veranstaltungen und Networking-Veranstaltungen unmöglich, sodass eine ganze Generation junger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in einer entscheidenden Phase ihrer Karriere vom intellektuellen Austausch abgeschnitten war.

Auf der anderen Seite weist Narges darauf hin, dass COVID-19 auch positive Auswirkungen hatte. Viele haben erkannt, dass es möglich ist, Klimaschutz sowie Berufs- und Alltagsleben in Einklang zu bringen. So gehören beispielsweise Reisen um die ganze Welt, nur um an einem Meeting teilzunehmen, der Vergangenheit an, ebenso wie stundenlange Pendelfahrten, wenn die Arbeit von zu Hause aus genauso produktiv ist wie die Anwesenheit im Büro. Ein neuer, effizienter und klimafreundlicher Arbeitsstil wird schnell zur Norm.

Die Motivation im Leben

Eine weitere wichtige Energiequelle für Narges sind zweifellos ihre Familie und Freunde. Sie ist sehr dankbar für deren Unterstützung auf ihrem Weg. Sie hat zwei kleine Kinder, und sie schätzt jede Gelegenheit, Zeit mit ihnen zu verbringen.

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Hans-Thomas Hengl
Hans-Thomas Hengl
Künstliche Intelligenz & Machine Learning / Fraunhofer IKS
KI in der Medizin