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Interview mit Dr. Thomas Wiltschko
»Sicherheit ist entscheidend für die Akzeptanz der Systeme«
Dr. Thomas Wiltschko, Manager für Sicherheit von ADAS & AD bei der Mercedes-Benz AG, ist Mitglied im Programmbeirat der Safetronic, der internationalen Fachtagung für die ganzheitliche Sicherheit von Straßenfahrzeugen. Als international anerkannter Experte für ISO 26262 und ISO/TS 5083 erläutert er im Interview, warum das Zusammenspiel der Sicherheitsnormen für eine ganzheitliche Betrachtung unerlässlich ist und welche Chancen der Einsatz Künstlicher Intelligenz für die Entwicklung sicherer Fahrerassistenzsysteme eröffnet.
© Fraunhofer IKS
H. T. Hengl:
Welche Ansprüche werden an moderne Fahrerassistenzsysteme (FAS) gestellt?
Thomas Wiltschko:
Die Kundinnen und Kunden erwarten eine zunehmende Automatisierung und eine stetige Erweiterung des Funktionsumfangs von modernen Fahrerassistenzsystemen. Dabei sind hohe Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit sowie eine einfache Bedienung und Individualisierung dieser Systeme von besonderer Bedeutung. Diese Aspekte haben auch in der Entwicklung bei Mercedes-Benz einen hohen Stellenwert, da es ja um unser vordringliches Ziel geht, nämlich Mehrwert für Kundinnen und Kunden zu schaffen. Moderne Fahrerassistenzsysteme erhöhen aber nicht nur den Fahrkomfort und entlasten den Fahrer, sondern sollen auch dazu beitragen, die Sicherheit im Straßenverkehr zu verbessern. Die Sicherheit ist entscheidend für die Akzeptanz der Systeme in der breiten Öffentlichkeit. Dafür ist die strikte Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, relevanter Normen und Industriestandards unerlässlich.
H. T. Hengl:
Ist es schwer, diese Anforderungen zu erfüllen?
Thomas Wiltschko:
Es ist schon eine anspruchsvolle Aufgabe. Aufgrund der Komplexität moderner Fahrerassistenzsysteme, der starken Vernetzung innerhalb des Fahrzeugs, einer verteilten Entwicklung und des hohen Innovationstempos sind Menschen mit hoher Expertise, Kreativität und Teamgeist gefragt. Nur so gelingt es, die Vorgaben von Standards und Regularien in ein sicheres Produkt zu überführen, das gleichzeitig ein adäquates Kundenerlebnis bietet.
H. T. Hengl:
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen und welche Lösungsansätze sind aus Ihrer Sicht erfolgversprechend?
Thomas Wiltschko:
Ich spreche da lieber von Herausforderungen und Chancen. Drei Dinge möchte ich in diesem Zusammenhang hervorheben. Erstens bietet der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Entwicklung ganz neue Möglichkeiten. Für die Frage nach einem geeigneten Nachweis der Sicherheit liefern Normen wie ISO/PAS 8800 Safety for AI erste Lösungsansätze. Zweitens ist eine ganzheitliche Bewertung der Sicherheit wichtig, wofür ISO/TS 5083 Safety for ADS mit seinen Risk Acceptance Criteria eine wertvolle Orientierung liefert. Drittens erfordert das hohe Entwicklungs- und Innovationstempo angepasste und effiziente Entwicklungs-, Validierungs- und Release-Prozesse, um kontinuierliche inkrementelle Updates zu bedienen.

© Mercedes
Dr. Thomas Wiltschko ist ein international anerkannter Experte für ISO 26262 (ISO/TC 22/SC 32/WG 8) und TS 5083 (ISO/TC 22/SC 32/WG 13 – Safety for ADS) mit über 20 Jahre Erfahrung im Bereich Sicherheit für Fahrerassistenzsysteme. Seit 2016 verantwortet er als Manager für Systemsicherheit bei der Mercedes-Benz AG die funktionale Sicherheit der Fahrerassistenzpakete.
H. T. Hengl:
Welche Erwartungen haben Sie zum Thema FAS an die Safetronic 2026?
Thomas Wiltschko:
Für die Safetronic 2026 erhoffe ich mir praxisnahe Beispiele und interessante Gespräche, speziell im Hinblick auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Entwicklung von hochverfügbaren Systemen. Ich wünsche mir wertvolle Impulse zur effizienten Entwicklung und Nachweisführung der Sicherheit von Fahrassistenzsystemen, um die aktuellen Chancen und möglichen Herausforderungen in diesem Bereich zu meistern.
H. T. Hengl:
Welches sind die Gründe, dass Sie sich im Programmbeirat der Safetronic engagieren?
Thomas Wiltschko:
An der Safetronic habe ich erstmals im Jahr 2009 teilgenommen und hatte in der Vergangenheit drei Mal die Gelegenheit, einen Vortrag zu halten. Ich schätze die Safetronic besonders für ihre hervorragende Qualität, den klaren Fokus auf Sicherheit und den wertvollen Austausch mit Expertinnen und Experten. Es ist mir eine Freude als Mitglied des Programmbeirats, nun aktiv an der Gestaltung und Ausrichtung der Safetronic mitwirken zu können.
Safetronic 2026
Nehmen Sie teil an der internationalen Konferenz zum Thema ganzheitliche Sicherheit von Straßenfahrzeugen vom
18. bis 19. November
in Stuttgart | Leinfelden-Echterdingen.
Buchen Sie jetzt Ihr Ticket. Das Programm finden Sie hier.
H. T. Hengl:
Sie sind im Normengremium der ISO/TS 5083 aktiv, die sich mit der Sicherheit für automatisierte Fahrsysteme, insbesondere Entwurf, Verifizierung und Validierung beschäftigt. In der Normensession der Safetronic 2026 wird es neben einem Update zur ISO/TS 5083, auch zu ISO 26262, ISO/PAS 21448 und ISO/PAS 8800 geben. Was macht das Zusammenspiel der Normen bei einer ganzheitlichen Sicherheitsbetrachtung für Sie aus?
Thomas Wiltschko:
Dieses Zusammenspiel ist von zentraler Bedeutung. Jede Norm besitzt ihren spezifischen Schwerpunkt und adressiert unterschiedliche Aspekte der Sicherheit. Daher müssen die Schnittmengen und Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Sicherheitsnormen identifiziert und für die praktische Anwendung in einem integrierten Ansatz umgesetzt werden, um den Sicherheitsnachweis vollständig und ohne Doppelarbeit zu erstellen.

